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No. 25 - Über Rhetorik: Mark Carney

  • Autorenbild: Julia Binsack
    Julia Binsack
  • 2. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. März


Herrlich!


…dachte ich, als ich die Rede von Mark Carney in Davos (20.01.2026) hörte. Da taucht ganz unverhofft ein Premierminister auf der internationalen Bühne auf, redet über den Beginn einer brutalen neuen Weltordnung und lässt dabei Inspiration und Hoffnung auf die Menschen rieseln, als sei es Konfetti.


Die Kernbotschaft des kanadischen Premierministers auf dem Weltwirtschaftsforum ist eindeutig: Die alte, vertraute Weltordnung bricht zusammen. Die neue Realität: Die Geopolitik der Großmächte kennt keine Regeln. Doch Mittelmachtländer wie Kanada sind nicht machtlos. Sie können ehrlich hinschauen, handeln und gemeinsam eine neue Ordnung gestalten – basierend auf Werten wie Menschenrechten, Nachhaltigkeit, Solidarität und Souveränität.


Und alle so: Wow! Geht da der Nordstern auf?


Wie gelingt es Carney, diese Botschaft in eine Rede über Geopolitik, Philosophie, Geschichte und Machtfragen einzubetten und der wirtschaftspolitischen Elite in Davos verständlich, überzeugend und emotional wirksam zu vermitteln? Die Antwort liegt – erstens – in der mutigen Einordnung einer neuen Realität und – zweitens – in der wertgebundenen Argumentation seiner Rede. Über diese beiden Punkte hat die internationale Presse in den letzten Tagen bereits ausführlich geschrieben. Es gibt jedoch noch einen dritten Punkt, der die Rede wirklich herausragend macht: die rhetorischen Mittel. Dispositio und Elocutio – Struktur und Wortwahl.


Da hüpft das Herz der Kommunikationsberaterin!



Ein Staatenlenker braucht mehr als seine Ansichten, um sein Publikum mitzunehmen. Um zu überzeugen, muss Carney seine Autorität unter Beweis stellen, Entschlossenheit signalisieren und eine emotionale Verbindung zum Publikum aufbauen. Das gelingt, wenn man Rhetorik beherrscht. Und das tut Mark Carney.


Er beginnt die Rede mit einem Paukenschlag und stellt die Kernbotschaft an den Anfang. Dramaturgisch ist das effektvoll und strahlt unmittelbar Kompetenz und Führungsstärke aus. Nach einer kurzen Krisenanalyse baut er sofort maximale Spannung auf: reale Bedrohung einerseits und Handlungsfähigkeit der Mittelmachtländer andererseits. Das Publikum nimmt Risiko und Optionen zugleich wahr – und möchte mehr erfahren.


Um Dynamik aufzubauen und zu halten, greifen Struktur und Wortwahl ineinander. Jeder Satz ist aufgeladen, jedes Wort sorgfältig auf Wirkung hin gesetzt. Carney erzeugt so Aufmerksamkeit, verdichtet den Text und zieht das Publikum in den Rhythmus seiner Rede – durch Alliterationen (powers/powerless), Kontraste (nice story/brutal reality), wiederkehrende Satzstrukturen und die direkte Ansprache der Zuhörenden. So wird die Botschaft erfahrbar: Haltung, Dringlichkeit und Handlungsbereitschaft erscheinen real und greifbar.


Der Aufbau, jede Metapher, jeder Satz und jedes Wort ist auf Wirkung hin gestaltet.


Carney steigert die Spannung weiter, nur um sie dann zu brechen. Er zitiert Thukydides, um die scheinbar unvermeidliche Logik internationaler Machtbeziehungen zu zeigen: die Starken tun, was sie können, die Schwachen leiden, was sie müssen. Mit diesem Aphorismus erzeugt er Zustimmung und zeichnet ein vertrautes Bild der Resignation. Hilft uns diese Einstellung? „It won’t.“ ruft er dem Publikum zu. Das ist der Kippmoment. Wie jetzt? Was dann? Die Spannung steigt weiter. Carney fordert das Publikum auf, die Dinge anders zu sehen, zu erkennen, dass Mittelmachtländer handeln können, dass wir nicht resignieren müssen. Athenische Autorität trifft auf überraschenden Kontrast – die Botschaft wird kraftvoll und inspirierend.


Den Mittelteil der Rede – ihr Herzstück – nutzt Carney, um für die Idee von Handlungsoptionen zu werben. Er bezieht sich auf ein Essay von Václav Havel und macht Havel so zu seinem Kronzeugen: eine moralisch hoch anerkannte Stimme, besonders im europäischen Kontext. Ein schlauer Move des Kanadiers! Der Greengrocer von Havel wird zum Beweismittel für Carney – ein konkretes Bild (Metapher), das Havels abstrakte Idee anschaulich in Handlung übersetzt. Carney setzt es ein, um seine Argumentation emotional und glaubwürdig beim Publikum zu verankern.


Damit verschiebt er die Rede endgültig: weg von der nüchternen Beschreibung einer scheinbar unverrückbaren Weltlage, hin zu einer dringlichen Einladung zur Handlung. Aus geopolitischer Diagnose wird moralische Entscheidung, aus struktureller Ohnmacht kollektive Verantwortlichkeit. Die große Weltordnung wird im Kleinen verhandelbar. Darin liegt die enorme rhetorische Kraft des Mittelteils.


Das Publikum fragt sich: Sollten wir also auf ihn hören? Ja! Ruft der Redner dem Publikum zu: „Canada was amongst the first to hear the wake-up call, leading us to fundamentally shift our strategic posture… We actively take on the world as it is, not wait around for a world we wish to be … Middle powers must act together because if we're not at the table, we're on the menu.“ Haha! Kein Wunder, dass der Satz mit dem Tisch und der Speisekarte so oft zitiert wird. So gut! So klar! Und so gruselig! Danach gibt er dem Publikum den Fahrplan, was jetzt genau zu tun ist – sogar mit Reihenfolge.


Gibt es noch letzte Zweifler im Raum? „We know the old order is not coming back. We shouldn't mourn it. Nostalgia is not a strategy.“ Die letzten Skeptiker senken vermutlich jetzt verschämt den Blick, rutschen ein Stück tiefer in ihre Stühle und machen sich klein. Der kanadische Premierminister beschreibt derweil selbstbewusst ein letztes Mal diesen neuen Weg, diese historische Wende (Repetition). Der Saal jubelt nach dem letzten Satz, dem Call to Action: „And it is a path wide open to any country willing to take it with us!“


Mark Carneys Rede zeigt eindrucksvoll, wie die Struktur einer Rede und die Wortwahl zusammenwirken können, um komplexe Inhalte klar, emotional und überzeugend zu vermitteln. Der Aufbau, jede Metapher, jeder Satz und jedes Wort ist auf Wirkung hin gestaltet – von der Analyse der Krise über die moralische Klarheit bis hin zu konkreten Handlungsschritten.


Was wir lernen: Exzellente Reden entstehen nicht durch einen glücklichen Zufall oder das pure Talent des Redners oder der Rednerin. Sorgfältige Planung und das geschickte Zusammenspiel von rhetorischen Mitteln, Struktur und Wortwahl machen eine Rede wirklich gut. Ich habe gelesen, dass Mark Carney die Rede selbst geschrieben hat. Ich hoffe, es stimmt. Nehmen Sie sie also als Inspiration für Ihre nächste Rede! Sie selbst zu schreiben ist manchmal eine sehr gute Idee. Besonders, wenn es um die Wurst geht. Wie in diesem Fall.


Viel Spaß dabei!


 
 
 

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