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No. 26 - Schwierige Fragen im Interview

  • Autorenbild: Julia Binsack
    Julia Binsack
  • 16. März
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. März


Wer vor Journalistinnen und Journalisten steht, kennt die Situation: Eine Frage kommt, die ungemütlich ist. Kritisch. Eine innere Nervosität macht sich breit, die Antwort formt sich nur langsam im Kopf. Wie also antworten, wenn man am liebsten weglaufen möchte?


Als ich Anfang der 2000er Jahre Redakteurin für Talkshow-Formate war, gehörte es zur Routine, dass Gäste an schwierigen Fragen großzügig vorbeiredeten. Die Antwort musste nicht wirklich zur Frage passen. Dahinter stand eine einfache Regel aus der Kommunikationsbranche: Ist die Frage unangenehm, beantworte sie nicht. Lenke stattdessen auf die Botschaft, über die du sprechen möchtest.


Dieses Vorgehen stammt aus der Message-Control-Logik des 20. Jahrhunderts. Politikerinnen, Politiker und Unternehmenssprecher wurden u.U. darauf trainiert, auf kritische Fragen mit vorbereiteten Aussagen zu reagieren – unabhängig davon, was tatsächlich gefragt wurde. Ziel war Reputationsschutz und maximale Kontrolle über die öffentliche Wahrnehmung.




Mittlerweile funktioniert das immer schlechter. Zumindest dort, wo kritischer Journalismus auf eine aufmerksame Öffentlichkeit trifft. Menschen hören, ob eine Frage wirklich beantwortet wird. Wer ausweicht, verliert Vertrauen.


Auch heute geht es selbstverständlich immer noch darum, ein Interview oder einen Talkshow-Auftritt für die eigenen Anliegen zu nutzen. Doch die Vorbereitung folgt einer anderen Logik: Nicht mehr rhetorische Ausweichmanöver stehen im Vordergrund, sondern Haltung, Klarheit und ein gutes Verständnis des Kontexts. Wer sich ernsthaft mit kritischen Einwänden auseinandersetzt, entwickelt tragfähige Antworten.


Wer kritischen Fragen ausweicht, beschädigt Vertrauen.


Die Grundidee: Nehmen Sie die Frage auf, ordnen Sie sie kurz ein und rahmen Sie sie so, dass Sie sie in Ihrem Sinn beantworten. Sie bleiben beim Thema, lassen sich aber nicht in eine ungünstige Perspektive drängen. Die Vorbereitung ist entscheidend und wird im Alltag oft unterschätzt. Antizipieren Sie schwierige Fragen, verstehen Sie, wie andere über das Thema denken, und nehmen Sie Einwände ernst. Gute Antworten entstehen selten spontan. Schreiben Sie kritische Fragen auf und überlegen Sie, wie Sie sie einordnen wollen. Das Ziel ist kein perfekter oder auswendig gelernter Satz, sondern eine klare Haltung.


Meine 4 Tipps für schwierige Fragen:


1. Die Frage anerkennen

Brauchen Sie einen Moment, um sich zu sortieren? Zeigen Sie, dass Sie die Frage verstanden haben. Das signalisiert Respekt und verschafft Ihnen Zeit, Ihre Gedanken zu ordnen.

Beispiele: „Das ist eine Frage, die eine ausführlichere Antwort verdient…" oder: „Viele Menschen stellen sich gerade genau diese Frage…"


2. Die Perspektive erweitern

Schwierige Fragen sind oft eng gestellt oder enthalten implizite Annahmen. Öffnen Sie den Blick: „Die entscheidende Annahme dahinter ist …" oder: „Wenn wir darüber sprechen, müssen wir zwei Dinge unterscheiden…"


3. Fakten einordnen und deuten

Jetzt geht es einen Schritt weiter: Die Fakten werden aktiv interpretiert, neu eingeordnet und in einen Sinnrahmen gesetzt. Tun Sie dies, ohne sich zu verteidigen. So behalten Sie die Deutungshoheit über den Sachverhalt: „Die Zahlen zeigen zunächst X, doch im Zusammenspiel mit Y und Z ergibt sich ein anderes Bild…" oder: „Auf den ersten Blick sieht es problematisch aus – tatsächlich eröffnet die Situation auch Chancen, weil…"


4. Am Ende wieder führen

Eine gute Antwort endet nach vorne. Geben Sie einen Ausblick oder benennen Sie den nächsten Schritt. Das Gespräch bleibt konstruktiv und gibt dem Publikum Orientierung.


Wie unterscheiden sich diese Tipps vom klassischen Message-Controlling? Der Unterschied liegt im Zweck: Früher ging es um Kontrolle, heute um Rahmenbedingungen. Wer Fragen ernsthaft aufnimmt und beantwortet, übt eine transparente Deutungshoheit. So wirken Antworten nachvollziehbar statt manipulativ.


Ein gesundes Misstrauen gegenüber öffentlichen Personen gehört zur demokratischen Ordnung. Es lässt sich nur mit gut durchdachten, auf die Frage fokussierten Antworten beruhigen. Vertrauen ist besonders in diesen turbulenten Zeiten die wichtigste Währung in der öffentlichen Diskussion. Es lohnt sich, es aufzubauen und zu pflegen.


Viel Spaß dabei!

 
 
 

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